Ein aktueller Bericht darüber, dass der Londoner Club Soho House einen Mann am Eingang abgewiesen hat, weil er einen Anzug trug, schien dem einen oder anderen lächerlich zu sein. Doch es wurde auch eine Erklärung gegeben – der Ort sei für „creative industries“ bestimmt. So natürlich kann man die Entscheidung nachvollziehen: Wenn es in einem Bereich eine Kleiderordnung gibt, die einen Kleid-down-Code vorschreibt, dann ist dies die Kunst.
Zum Beispiel wird zum Hip Hop Sportbekleidung getragen, in eine Mädchen-Band passen nur die neuesten Topshop-Kleider, beim Emo-Stil ist Schwarz von Kopf bis Fuß angesagt. Darüber hinaus erwarten auch die Künstler selbst, dass sie durch ihren individuellen Stil das eigene Publikum beinflussen und dieses das Design entsprechend übernehmen wird. Wer würde es denn wagen, sich anders als sein Idol zu bekleiden? Das wäre damit gleichbedeutend zuzugeben, dass man von der jeweiligen Musikrichtung nichts versteht. So werden auch Sweatjacken mit aufwendigen Prints oder im klassischen Schnitt schnell zu einer Unerlässlichkeit für jeden, dessen Vorbild sich entsprechend kleidet. Fans von älteren Künstlern dagegen tragen oft noch ihre „Ich sah die Band im Jahr 1976“-T-Shirts, bei denen es sich um viel mehr als ein altes Kleidungsstück handelt. Eine solche Bekleidung ist ein Statement. Sie sagt: „Schau mich an, ich bin ein echter Fan und trage immer noch das Tour-T-Shirt, das ich vor 35 Jahren gekauft habe, um es bis heute allen zu zeigen.“
Selbst bei der Abendgarderobe für das Opernhaus gibt es Hierarchien von künstlerischer Wertschätzung. Eine rosa Fliege und ein Kummerbund auf dem Glyndebourne Opera Festival würde auf einen Wagner-Spezialisten hinweisen. Seit dem 18. Jahrhundert, als die Leute in erster Linie dazu ins Theater gingen, um sich die Outfits der anderen anzuschauen und das Stück selbst gar nicht richtig zählte, hat sich gar nicht so viel verändert. Bei Kunstveranstaltungen ist heute eine “Uniform” genauso unerlässlich wie für das Soho House: lässig und leger muss es sein: „dress down“ statt „dress up“.